Vor 205 Jahren - April bis Juli 1813

Wartenburg in Sachsen:

Am Ostersonntag, dem 18. April, predigte Pfarrer Karl Gerstäcker in der überfüllten Dorfkirche. Obwohl die Temperaturen nicht unbedingt zu einem "Osterspaziergang" einluden, hofften doch viele Wartenburger neue Nachrichten zu erfahren, vor allem über die begonnenen Kämpfe seit Anfang April. Am Ende seiner Predigt nutzte er die Gelegenheit, an die vergangenen Schicksalsschläge der Wartenburger zu erinnern, an kommende Zeiten zu denken und zitierte aus dem Aufruf an die Sachsen. Ob Gerstäcker auch die zeitgleiche Proklamation Blüchers an seine preußischen Soldaten kannte? Die französische Besatzung jedenfalls war in Richtung Westen abgerückt, eine Einheit auch nach Wittenberg. Der damalige Pächter des Schlosses begann im Auftrag des Grafen Karl Ludwig August von Hohenthal (1769-1826) inzwischen eine Schadensliste zu erstellen.                         

Bunzlau in Westpreußen:

Noch Ende März erließ Blücher aus seinem Hauptquartier einen Appell an sein Armeekorps:
"Preußen! Wir überschreiten die Grenze unseres Gebietes und betreten ein fremdes, nicht als Feinde, sondern als Befreier. Ausziehend zum Kampf um unsere Unabhängigkeit, wollen wir nicht ein Nachbarvolk unterdrücken, das mit uns dieselbe Sprache redet, denselben Glauben bekennt .... Seid mild und menschlich gegen dieses Volk und betrachtet die Sachsen als Freunde der heiligen Sache deutscher Unabhägigkeit ... betrachtet sie als künftige Bundesgenossen. ... Ahmt das Beispiel eurer Waffengefährten im Yorckschen Armeekorps nach, die, obgleich lange auf fremdem Gebiet stehend, ... die Ehre des preußischen Namens bewahrt haben. Soldaten! ... Ihr wißt, daß ich väterlich für euch sorge, Ihr wißt, ... daß ich Ausschweifungen nicht dulde, sondern solche einen unerbittlichen Richter an mir finden. Achtet euch hiernach!"
In seinem Generalstab befanden sich ja auch die glühendsten Streiter der gerechten Sache: Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz, aber auch der als Ordonanzoffizier eingesetzte Professor Steffens. Aber wo war Yorck?
  

Königsberg/Berlin/Kalisch/Bunzlau

Am 26. März hatte der Königsberger Landhofmeister Auerswald in sein Tagebuch lapidar "Der Krieg ist erklärt" eingetragen. Einen Tag später notierte er: "Preußen und Russen bereits in Sachsen. 10.000 Schweden gelandet."
Das  Heer der Alliierten bestand aus einer nördlichen, 45.000 Mann starken Armee auf dem rechten Flügel unter dem russischen General Ludwig Adolph Peter zu Sayn-Wittgenstein (1769-1843). Dieser marschierte mit den preußischen Korps von Yorck, von Bülow und von Kleist über Berlin in Richtung Elbe.

Auf dem linken Flügel, also südlich, stand die Armee von General Blücher zusammen mit dem russischen Korps von General Ferdinand von Wintzingerode (1770-1818 ) mit 40.000 Mann. Diese Truppen bewegten sich durch die Lausitz in Richtung Elbe vorwärts.
Die russische Hauptarmee unter dem Befehl von Feldmarschall Kutusow marschierte von Kalisch aus, in breiter Front, zwischen den Flügelarmeen. Er selbst wird aber nur bis Bunzlau kommen.

Auch Napoleon hatte inzwischen seine Armeen neu formiert.

Zum Überblick über die einzelnen Truppenbewegungen sollte nun die Karte dienen, zum vertiefenden Verständnis der einzelnen Schlachten des Frühjahrfeldzuges 1813 kann man gut im Internet recherieren.

Am 5. April schlug sich General Yorck tapfer mit seinen Soldaten bei Möckern, östlich von Magdeburg. Auerswald vermerkt am 17.April in seinem Tagebuch über seine Söhne: "Hans und Rudolph haben die Schlacht bei Mökern mitgemacht" und vier Tage später trägt er ein: "Der König hat den Hans sehr freundlich behandelt." Am 6. Mai enden die Aufzeichnungen mit dem letzten Satz: "Kutusow ist todt und Wittgenstein hat den Oberbefehl über Russen und Preußen."

Inzwischen war die Schlacht von Großgörschen vom 2. Mai, südlich von Leipzig, schon Geschichte. Hier hatte sich wieder Yorcks Wagemut und Tapferkeit gezeigt, aber auch später im Rückzugsgefecht bei Bautzen am 20./21. Mai.
Beide Kriegsparteien drängten nun auf einen Waffenstillstand.

General Scharnhorst, Strategiegenie, der sich so vehement für einen koordinierten Feldzug eingesetzt hatte, war in Großgörschen verwundet worden. Trotzdem blieb er rastlos und versuchte mit seinem persönlichen Einsatz Österreich für die Sache der Alliierten zu gewinnen. Auf seiner Reise nach Wien über Prag verstarb er dort am 28. Juni an Wundfieber.

Wartenburg

Pfingstsonntag, 6. Juni. Was konnte Pfarrer Gerstäcker seiner Gemeinde nun erklären? Durch den Waffenstillstand wurde der Ort wieder von französischen Truppen besetzt. Sollten Wartenburger wieder in einem sächsischen Kontingent für napoleonische Interessen bereit sein? Gut, dass der Pächter des Grafen die Schadensliste noch nicht publik gemacht hatte. Es war aber kein gutes Omen, dass der Kutscher des französischen Generals Raymond, der im Ort erneut im Quartier lag, am 21. Juli beim Pferdeschwemmen im Rötkolk ertrank; ein Schauplatz kommender Ereignisse.

(Wolfgang Kunze)

An den Gedenkveranstaltungen (205 Jahre) in Möckern und in Großgörschen nahmen unsere Uniformierten des Förderkreises 1813 Wartenburg e.V. teil.

 

Bildquellen: Internet

Literatur:
Tagebuch des Landhofmeisters von Auerswald/Anhang  in: A. Bezzenberger, Zum Andenken an die Mitglieder des Preußischen Landtages im Februar 1813 ..., Königsberg, 1900
Proklamation Blüchers an seine Truppen,  in: E. Müsebeck, Gold gab ich für Eisen - Dokumente ... aus den Jahren 1806-1815, Berlin 1913, S.234f., ND 1998
Gustav Wernecke, Wartenburg einst und jetzt, Wittenberg 1913, ND 2003
Hansjürgen Usczek, Scharnhorst. Sein Werk und seine Wirkung, Berlin, 1974

Galerie-Bilder: 

02. Mai 1813 - Kavallerieattacke bei Großgörschen
Blücher 1813
Infantriegefecht bei Großgörschen 1813
Truppenbewegung 1813
Szene Möckern
Verwundung von Scharnhorst
General Wintzingerode
General Sayn-Wittgenstein